Der Apfelbaum „Warum tut mir mein Bauch so weh, Mama? Mag mich der liebe Gott nicht mehr?“ fragte das kranke Mädchen. „Oh nein, Gott vergißt dich nicht,“ tröstete sie ihre Mutter und streichelte sanft über den schmerzenden Bauch des Mädchens. „Ich erzähle dir eine Geschichte, die mir meine Mutter einmal erzählt hat: Es gab einmal einen Apfelbaum, der stand an einer Lichtung in einem Wald. Jedes Frühjahr blühte er prachtvoll und stolz, bewundert von jedem Lebewesen im Wald, beneidet von den Bäumen und Sträuchern und aufgenommen in den Kreis der Blumen am Waldesrand. Aber nachdem die Bienen ihr Werk getan hatten und die Blühten ihre Blätter verloren um zu Früchten zu werden, schmolz die Ehrfurcht und die Bewunderung schnell dahin. Man sah nicht das wunderbare Werk der Natur, die Entstehung des neuen Lebens. Der Apfelbaum stand unbeachtet neben anderen Bäumen und Sträuchern und sehnte sich nach dem Frühling. „Wenn ich wieder einmal im Mittelpunkt stehen will, muß ich dafür sorgen, daß man mich sieht,“ dachte er sich und färbte, als der Sommer seinen Höhepunkt erreicht hatte, seine Früchte knallrot. Er wurde wieder von jedem Lebewesen im Wald bewundert, beneidet von Bäumen und Sträuchern und in den Kreis der Blumen am Waldesrand aufgenommen. Aber diesmal wurde er respektlos behandelt. Da kamen Wanderer des Weges, pflückten einige seiner Äpfel und aßen sie auf. Den Putzen warfen sie einfach an seine Wurzeln und gingen, ohne Dank und Wort weiter. Es kamen Insekten, die ihren dünnen, schmerzhaften Stachel in die Früchte steckten und den Saft aussaugten. Die Früchte wurden braun und faltig, begannen Schimmel anzusetzen und der Baum kränkte sich. Er wurde von den anderen Pflanzen und von den Tieren ausgelacht. Sie zeigten auf seine tief herabhängenden Äste und nannten ihn häßlich und vom Tode gezeichnet. Das schämte den Baum so sehr, daß er alle seine Früchte achtlos abwarf und seine Blätter zu welken begannen. Er wollte der Welt seine Schönheit wieder zeigen, sammelte Kraft und Energie, und als es wieder Frühling wurde, begann die Geschichte von vorne. Der Baum starb eines Tages, von Würmern und vom Alter geschwächt, und kam in die Totenwelt. Der Erschaffer der Welt bedankte sich bei den Baum und gewährte ihm einen Platz an seiner Seite. Als der Baum aber auch die Tiere und Pflanzen im Paradies sah, die ihn jahrelang verhöhnt und gedemütigt hatten, beschwerte er sich beim Schöpfer. „Wieso dürfen die Wesen, die mir Jahr und Tag das Leben schwer gemacht haben, meine Früchte aßen und stachen und mich selbst lebendig aufgefressen haben, an deiner Seite rasten, wirf sie doch ins Feuer!“ „Lieber Apfelbaum, sieh dich an, fressen sie dich noch, oder nehmen sie dir deine Blüten und Früchte noch immer weg?“ „Heute nicht, aber irgendwann lege ich mich schlafen und dann werden sie über mich herfallen!“ „Du täuschst dich. Auf der Welt haben sie nur ihre Aufgabe erfüllt. Du hättest ohne sie nicht geblüht und keine Früchte getragen. Du hättest dich nicht vermehrt und auch deinen Platz nicht freigegeben. Du verdankst ihnen dein ganzes Leben, deine Schmerzen und deinen Tod, aber auch deine Freuden und deine Pracht. Also schätze und ehre sie, so wie sie sind.“ Das Mädchen lächelte, drückte fest die Hand der Mutter und schlief ruhig ein. |