Wir,
unsere Kinder
und
das Fernsehen

Wien, im Juni 1996
INHALT
1. Das Fernsehen und die zukünftigen Erwachsenen (Einleitung)
-allgemeine Meinung
über das Fernsehen
-wozu
brauchen wir das Fernsehen?
2. Wirkungen des Fernsehens auf den Zuschauer aus physikalischer Sicht
-Augentätigkeit
-Gehör
-Gehirn
3. Das Kind und das Fernsehen
-wie
sind die Kinder?
-das
Kind und das Fernsehen?
-warum
kann das Fernsehen so auf die Kinder wirken?
4. Computer
5. Was soll man in Zukunft machen?
1. Das Fernsehen und die zukünftigen Erwachsenen
Warum habe ich dieses Thema gewählt?
Ich möchte
den Einfluß des Fernsehens auf die Entwicklung und das Verhalten von Kindern,
den Erwachsenen von morgen, behandeln.
Was steckt in diesem Satz:
”Das Fernsehen und die
zukünftigen Erwachsenen”?
Die Beziehung zwischen Kind und dem
Fernsehen.
Eine Beziehung, die in vielen Familien
selbstverständlich ist: das Fernsehgerät ”lebt” und bestimmt
wie ein Familienmitglied in der Familie alles mit.
Die Beziehung zwischen Kind und Maschine.
Kinder werden
vom Fernsehen eingenommen und diese Einflüsse werden häufig unterschätzt,
sowohl im privaten Bereich der Familie, als auch im Rahmen der Öffentlichkeit, und
nicht zuletzt in den Medien selbst. Es wird von vielen Seiten geklagt, daß
Kinder aggressiv sind, keine fünf Minuten ruhig sitzen bleiben, Erwachsenen
nicht zuhören, miteinander nicht mehr umgehen können,.....
Hängt das
nicht großteils von uns Erwachsenen, insbesondere Eltern und Pädagogen, ab?
Machen wir vielleicht in unserer erzieherischen Arbeit Fehler? Diese Fragen
werden nur selten gestellt, meist besteht die Reaktion auf das kindliche ”Fehlverhalten” in Ärger, der sich gegen die
Kinder richtet.
Ist es nicht
ein Fehler, daß die Kinder zu viele Bilder sehen, mit denen sie nichts Anfangen
können?
Daß ihre Bezugspersonen Moderatoren oder Figuren aus
Fernsehserien sind und nicht aus der Familie, aus dem Bekanntenkreis?
Damit möchte
ich nicht sagen, daß nur und allein das Fernsehen für häufig vorkommende
Verhaltens- und Konzentrationsstörungen verantwortlich zu machen ist. Aus der
Umwelt strömen leider genug Einflüsse, die nicht für die Kinder bestimmt sind,
auf sie ein (Werbung, Plakate, Musik, Texte). Die Kinder saugen alles
ungefiltert auf. Niemand achtet darauf, ob das für die Kinderseele etwas bringt
- oder sie nur durcheinander wirbelt.
Und da sehe
ich für unsere Kinder, für die ”zukünftigen
Erwachsenen”, eine Gefahr. Die Gefahr, daß sie Erwachsene werden, die zu keinen
menschlichen Beziehungen fähig sind, zwar Pläne und Wünsche haben, aber nicht
fähig sind, sie zu verwirklichen. Nicht alles funktioniert auf Knopfdruck.
Menschliche Beziehungen und Gefühle entwickeln sich anders.
Ein Zitat von Goethe drückt sehr gut aus, warum ich
das Fernsehen so gefährlich für die Kinder finde:
Dummes Zeug kann man viel reden,
Kann man hören und auch lesen,
Wird weder Geist noch Seele töten,
Es wird alles beim Alten bleiben.
Dummes aber vors Auge gestellt
Hat ein magisches Recht,
Weil es die Sinne gefangen hält,
Wird der Geist ein Knecht.
Wie
lautet die allgemeine Meinung über das Fernsehen?
Das Wort ”Fernsehen” weckt eine Reihe von Assoziationen, wie:
Traumwelt, Traumbild, Spannung, Information,
Erlebnis, Grenzenlosigkeit, Beschäftigung, Unterhaltung, Entspannung,...
Das alles erwarten wir Erwachsenen von einem einzigen
Knopfdruck.
Und wir
glauben, daß uns das Fernsehen das alles bescheren kann, das alles für einen verhältnismäßig
geringen Betrag (einmaliger Anschaffungspreis des Gerätes, Gebühren und Strom).
Dafür kommen wir aber überall hin, können alles von unserer Welt sehen. Was auf
unserer Erdkugel passiert: Ob Karneval in Rio, Pressekonferenz in Moskau oder Gipfeltreffen
in Nahost - via Satellit sind wir dabei.
Ist das nicht
wunderbar?
Noch dazu haben die Kinder auch etwas Wunderbares
davon.
Sie werden
stundenlang beschäftigt, ohne hinzufallen oder sich zu verletzen, ohne zu
streiten. Ohne sich anzustrengen sitzen
sie ruhig und sehen mit größtem Interesse zu.
Sie sehen so
viel von fernen Ländern, fremden Völkern und exotischen Tieren,.... Sie können
neue Begriffe und sogar fremde Sprachen lernen. Wissen, wofür wir Erwachsenen
mühevoll, jahrelang in der Schule lernen mußten. Was
wir durch - oft bittere - Lebenserfahrungen gelernt haben, können bereits
kleine Kinder einfach, durch den Fernsehapparat mitbekommen.
Der Fernseher
ist Babysitter und Lehrer zugleich.
Natürlich
denken nicht alle Erwachsenen so, aber doch viele. Und nicht selten sind es
solche, die als Eltern oder Pädagogen Verantwortung für die Zukunft der Kinder
tragen!
Gehen der Weg, der die Kinder vor den Fernseher führt,
wirklich in eine gute Richtung?
Werden sie zu solchen Erwachsenen, wie wir sie uns
vorstellen?
Haben wir uns überhaupt Gedanken gemacht, welche
menschlichen Werte sie haben sollen, damit sie starke, freie, und
lebensfreudige Menschen werden?
Finden die Kinder das schön und gut, was wir schön und
gut finden?
Haben wir unsere Kinder beobachtet, wann sie wirklich
glücklich sind, wann sie sich richtig frei und froh fühlen?
Um
festzustellen, was es für unsere Kinder bedeutet, "glücklich zu
sein", müssen wir wieder, auch wenn
uns das schwer fällt, in Kinderschuhe
schlüpfen. Wenn wir uns die Erinnerungen der eigenen Kindheit zurückrufen, dann
tauchen nicht die Beobachtungen, sondern die richtigen Erfahrungen auf.
Und diese Farben, die sie haben, sind prächtiger als
das schönste Bilderbuch.
Die
Abenteuer, wie auf den größten Baum klettern oder Blumen für die Großmutter zu
pflücken, leben heute noch so tief in uns, daß auch nach vielen Jahren diese
Erlebnisse lebendig erscheinen. Das Herz klopft wieder schneller und unsere
Augen werden größer, und vielleicht wir werden unsere eigenen Kinder besser
verstehen, und merken, daß sie richtige Spiele zum Spielen brauchen.
"Man
sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen
unsichtbar!"
aus: Antoine de Saint-Exupery - Der kleine
Prinz
Sie brauchen
solche Spiele und solche Erfahrungen, die alle Sinne ansprechen und bei denen
das Kind körperlich tätig sein kann.
Wir müssen
unser kindliches Bewußtsein wachrufen, um die Kinder
besser zu verstehen! Denn die frühesten Erfahrungen sind prägend und später nur sehr schwer nachzuholen oder
zu korrigieren.
Wenn wir zu unseren Kindern in den ersten Lebensjahren
keinen Kontakt haben, wenn wir die Kinder wegen ”dringender Termine” ständig
vernachlässigen und wenn wir statt unserer Zeit und Hinwendung nur neues
Spielzeug schenken, dann dürfen wir uns nicht wundern, daß sich die
heranwachsenden Jugendlichen nicht mehr mit ihren Problemen, an uns wenden. Sie
möchten mit Erwachsenen Gespräche haben, bei denen sie nicht nur belehrt und
zurechtgewiesen werden, sondern wo sie auch Verständnis bekommen. Sonst wird
die Kluft zwischen uns Erwachsenen und unseren Kindern immer größer.
Wir dürfen
nicht vergessen, daß sie auch einmal Eltern sein werden. Wenn sie aber kein
gutes Modell von zwischenmenschlichen Beziehung haben, wie sollen sie sie
weitergeben? Wie sieht dann die Zukunft die Menschheit aus?
Müssen wir
wirklich nur, wie oft vorgeschlagen, umdenken lernen und Beziehungen aus der
Gefühlsebene heben?
In der
heutigen Medienwelt sind nicht nur die Kinder der Gefahr einer ständigen
Berieselung ausgesetzt. Auch Erwachsenen fällt es schwer, eine gesunde Distanz
im Umgang mit den Medien zu bewahren, und sich nicht im unaufhörlichen Strom
der Bilder und Geräusche zu verlieren. Wir müssen darauf achten, daß wir die technischen
Wunderdinge nicht aus der Kontrolle verlieren und lernen, mit ihnen bewußt umzugehen.
Wir müssen
unser Leben gestalten - und nicht das Fernsehprogramm!
Wir müssen Programme machen für unsere Familien - und
nicht die Fernsehenintendanten!
Wir müssen unsere Kinder individuell beschäftigen -
denn das Fernsehen kann das nicht.
Wir müssen vorbildhaft handeln - und dies nicht dem
Fernsehen überlassen.
Diese Arbeit
soll die Wirkungen des Fernsehens auf Kinder darstellen und anregen, über
dieses Thema nachzudenken.
Wozu
brauchen wir das Fernsehen?
Wohin kann das führen, wenn wir uns unbewußt und wahllos von diesem Medium berieseln lassen?
Das Fernsehen
ist ein ebenso junges wie erfolgreiches Medium. Erst im dritten Drittel unseres
Jahrhunderts hat es Land und Leute erobert und in den meisten Wohnungen Einzug
gehalten. Als Medium ursprünglich zu Zwecken der Informationsvermittlung
erdacht (lat. mediare =
vermitteln), verbreiteten sich sehr schnell weitergehende Verwendungsmöglichkeiten.
Neben der Aufgabe, den Zusehern Nachrichten und Informationen zu vermitteln,
rückte immer mehr der Unterhaltungswert des Fernsehens in den Mittelpunkt des
Interesses.
So stieg die
Bedeutung des Fernsehen mit dem Programmangebot, und
heute befindet sich das Fernsehgerät in der Wohnung an einem beherrschenden
Platz. Es gehört zur Einrichtung, wie ein Sessel, ein Tisch oder ein Bett. Aber
dieser ”Schmuck” unserer Wohnung bestimmt auch unser
Leben, und unsere Zeiteinteilung. Viele von uns können sich das Leben ohne ”ihn” gar nicht mehr vorstellen. Wie stark der Einfluß
des Fernsehens auf unser alltägliches Leben ist, verdeutlicht eine schwedische
Studie:
Im Frühjahr 1980 wurde während einer Woche im Fernsehen außer den Nachrichten nichts
gesendet. Wie verbrachten die Schweden diese Woche?
echen wollten oder
weil sie glaubten, in der ungewollten Stille verdächtige Geräusche gehört zu
haben.....
Wie
wurden die Kinder von dem unfreiwilligen Fernsehentzug beeinflußt?
Fast 60 Prozent der Neun- bis
Vierzehnjährigen gaben an gewisse Sendungen zu vermissen,
15
Prozent sahen im Ausfall des Fernsehprogramms etwas direkt Negatives.
61 Prozent entdeckten am Leben ohne
Fernsehen Vorteile....
Viele
Lehrer, die in der 1.- 6. Klasse unterrichteten, waren verblüfft darüber, daß
die Kinder plötzlich rotbäckig, munter und konzentriert waren. Sie waren
ausgeschlafen.”
aus: Karin Neuschütz - Lieber spielen als
Fernsehen!
Eine ähnliche
Studie wurde im Jahre 1972 in England durchgeführt. Das eindeutige Resümee der
Fernsehkritiker und Programmgestalter über die Folgen des Fernsehdauerkonsums:
”Verringertes Selbstbewußtsein,
der rasche Abbau von zwischenmenschlichen Beziehungen sowie die Vernichtung der
Kreativität.”
aus: Helmut von Kügelgen - Fernseh-geschädigt
Erwachsene
haben sich an das Leben mit dem Fernsehen gewöhnt. Sind sie dabei
fernsehabhängig geworden? Wie und warum ist das passiert?
Oft lassen
wir uns am Abend eines anstrengenden Arbeitstages müde in das Fernsehsofa
sinken und erwarten uns Erholung, Entspannung oder ablenkende Unterhaltung.
Manchmal ist es ist uns sogar gleichgültig, was wir sehen, solange es unsere
Gedanken in eine andere Richtung lenkt. Es soll daher ein "leicht bekömmliches"
Programm sein, das man, ohne Gedankenarbeit leisten zu müssen, verfolgen kann.
Diese
"Zauberkiste" ermöglicht uns nicht nur zu entspannen, sondern sie
sichert uns stets ”gute” Unterhaltung, und so
verbringen wir mit ”ihr” auch die restliche Freizeit. Und bald begleitet uns
das Fernsehen vom Frühstück bis zum Einschlafen.
Uns
interessiert alles und wir möchten alles wissen - auf eine bequeme Art und
Weise! So bleiben wir oft vor der
Mattscheibe hängen. Da ist schon ein gewisser Drang, der uns die
Entscheidungsfreiheit nimmt und gewissermaßen zur Lebensgewohnheiten wird. Das
ist der erste Schritt in die Abhängigkeit.
Manche geben auch, weil sie von den Fernsehprogrammen
stark geprägt sind, zu, daß sie ”Fernsehsüchtige”
sind:
”Die
ganze Zeit, während wir fernsahen, hatte ich eine fürchterliche Wut auf mich,
weil ich meine Zeit damit vergeudete.”
”Fernsehen
hat eine fast magische Anziehungskraft auf mich. Wenn das Gerät läuft, kann ich
es nicht übersehen.. Ich kann nicht abschalten....Wenn ich die Hand ausstrecke, um das Gerät abzudrehen,
wird mein Arm kraftlos. Also bleibe ich stundenlang sitzen.”
aus: Marie Winn -
Droge im Wohnzimmer
Wenn schon
Erwachsene vom Fernsehen verführt werden können, welchen Einfluß muß das
Fernsehen dann erst auf die Kinder auszuüben in der Lage sein. Vor allem Dingen
dann, wenn sich ihre Eltern nicht um alternative und sinnvolle Tagesgestaltung
bemühen?!
Einige
Betroffene gaben an, nur durch die Entfernung des Gerätes dem Fernsehen
entkommen zu sein. Zu diesem
entscheidenden Schritt konnten die Menschen aber nur dann kommen, wenn sie
selber wahrnehmen, wie ausgeliefert und manipulierbar sie durch Filme, Werbung
und Diskussionen geworden sind. Und natürlich, wenn sie stark genug sind, sich
von ihrer ”Glotze”
zu trennen.
2. Wirkungen des Fernsehens auf den Zuschauer aus physikalischer
Sicht
”Den
Gesetzen der Physik darf eine Maschine nicht widersprechen. Aber den Gesetzen
des Lebens darf sie beliebig und ohne weiteres widersprechen, da die Physik den
Gesetzen des Lebens beziehungslos gegenübersteht.”
Max Thürkauf
Wenn wir
unseren Kinder das Fernsehen zeigen, dann sollten wir
auch wissen, was wir damit anbieten. Unabhängig vom Alter der Zuschauer möchte
ich in diesem Kapitel beschreiben:
Wie kann ein menschliches Organ Bilder aufnehmen und verarbeiten?
Wie hören wir Musik, Geräusche und Stimmen
beim Fernsehen?
Auf
Wirkungen (seelische, gedankliche, psychische, Veränderungen im
Lebensstil und Lebensform und in Beziehungen) bei Erwachsenen werde ich hier
nicht eingehen. Ich werde diese Gebiete, die Auswirkungen des Fernsehens, später, bei den Kinder,
behandeln.
Ein
interessantes Experiment zeigte, daß die Erfahrungen dann von größter Bedeutung
sind, wenn der ganze Körper an diesen Erfahrungen teilhat. Obwohl dieses
Experiment mit Tieren gemacht wurde, kann man trotzdem Schlüsse daraus ziehen,
wie die Wirkungen auf uns Menschen sein wären, wenn auf uns nur einseitige
Sinneseindrücke kämen.
Auf
einer drehbaren Waage wurden zwei Körbe aufgehängt. In jedes Körbchen wurde
eine junge Katze hineingesetzt. Eine Katze hatte keine Bewegungsmöglichkeiten,
nur der Kopf war frei, und konnte die Umgebung aufnehmen. Die andere Katze
hatte nicht nur den Kopf, sondern auch die Füße frei, so daß dieses Tier die
Waage bewegen konnte, während das andere im ”Karussell”
saß. Beide Katzen bekamen gleiche Eindrücke und trotzdem wurde die passive
Katze blind, das Sehvermögen der aktiven Katze entwickelte sich einigermaßen
normal.
Wenn wir
jetzt auf den Menschen beim Fernsehen blicken, dann müssen wir feststellen, daß
weder der Geruchs-, noch der Geschmacks-, noch der Tastsinn in Anspruch
genommen werden, der Seh- und der Hörsinn sind nur eingeschränkt tätig.
Die
Augentätigkeit beim Fernsehen:
Von allen
menschlichen Organen ist das Auge dem stärksten und intensivsten Einfluß durch
das Fernsehen ausgesetzt. Den vielfältigen Aktionsmöglichkeiten des Auges
entsprechend, wirkt auch das Fernsehen in vielfältiger Weise darauf ein.
Der
Ziliarmuskel des Auges ist einer der regsamsten Muskeln der menschlichen Muskulatur.
Er bewirkt die jeweils notwendige Veränderung der elastischen Augenlinse, damit
verschieden weit entfernte Gegenstände scharf und deutlich wahrnehmbar werden.
Wie wirkt das Fernsehen auf den Ziliarmuskel?
Da sich der
Bildschirm des Fernsehgerätes während des Fernsehens in der immer gleichen
Entfernung zum Auge befindet, wird der Ziliarmuskel nicht gefordert und zu
widernatürlich kleinen Bewegungen gezwungen.
Die
Muskulatur der Augäpfel wird ebenfalls zu wenig betätigt. Die Augäpfel können
in ihren Höhlen gedreht werden, um ihre optische
Achsen auf den betrachteten Gegenstand zu richten. Durch diese Tätigkeit wird
uns die Entfernung des Gegenstandes vermittelt. Wegen der kleinen Fläche des
Bildschirmes sind beim Fernsehen diese Bewegungen nur gering erforderlich.
Wir sehen mit
jedem Auge geringfügig voneinander abweichende Bilder. Dadurch kommt der
räumliche Eindruck von einem Gegenstand und seiner Umgebung zustande. Weil es
keine Entfernungsunterschiede am Fernsehbild gibt, werden Entfernungssehen und
räumliches Sehen ebenfalls vernachlässigt.
Fernsehbilder sind oft sehr lichtschwach.
Das läßt sich leicht an einem bei Tageslicht betriebenen Gerät
erkennen. Die Anpassung des Auges an unterschiedliche Helligkeiten erfolgt
durch die Regenbogenhaut, auch Iris genannt, deren Öffnung, die Pupille,
verkleinert oder vergrößert wird und so auf stärkere oder schwächere Helligkeit
eingestellt werden kann. Wegen der geringen Grundhelligkeit und der schwachen
Kontraste des Fernsehbildes ist die Iris zu eingeschränkter Tätigkeit gezwungen
und dadurch kommt die lichtempfindliche
Schicht des Auges, die Netzhaut (oder Retina) in einen Zustand erhöhter
Sensibilität.
Häufiges und längeres Fernsehen verändert das Farbempfinden.
Die Farbreize
sind, sowohl beim Schwarz-Weiß-Fernsehbild als auch beim Farbfernsehbild, im
Vergleich zum natürlichen Licht verzerrt. Den Unterschied zwischen natürlichem und ”Fernseh”- Licht kann man mit
Hilfe eines Prismas feststellen: während man beim Betrachten einer Schwarz-Weiß-Zeichnung
im Sonnenlicht alle Regenbogenfarben findet, findet man im Licht eines
Schwarz-Weiß-Fernsehbildes nur Blau und Gelb. In ähnlicher Weise weicht das
Spektrum des Farbfernsehbildes vom natürlichen Spektrum ab: in ihm gibt es nur
die Farben Rot, Grün und Blau. Natürliches Licht ist also vielfältiger und
reicher in Farben. Deswegen ist man auch zu befürchten, daß das Farbunterscheidungs-vermögen des Menschen durch das
Fernsehen nachläßt. Obwohl es möglich ist Licht (und
nicht Farbstoffe!) in den drei Grundfarben Rot, Grün und Blau durchzumischen, sodaß man alle Farbnuancen des Regenbogens erzeugen kann.
Aber diese Mischfarben sind verfälscht und das Originalfarblicht verfremdet.
Das Auge
führt ständig kleine Drehbewegungen aus, mit deren Hilfe es die Gegenstände
seiner Umgebung in einer feinen Weise abtastet. Beim Fernsehen gibt es aber
nichts zum Abtasten, nichts in die Tiefe gehendes.
Für die
eingehende Untersuchung der Wirkungen und Einflüsse des Fernsehens auf den
Organismus ist es unvermeidlich einiges über die Bild- und Klangerzeugung im Fernsehgerät berücksichtigen.
Physikalische
Grundlage für die Möglichkeit, Bilder zu erzeugen, die in ihren Teilen bewegt
erscheinen, ist eine ”Schwäche” des Auges. Das kann
man, wenn man das ”Daumenkino” kennt, leicht erkennen.
Man zeichnet auf die Blätter eines
Papierblocks in der Nähe der Blattunterkanten Bilder eines Gegenstandes, die
sich ein wenig voneinander unterscheiden. Läßt man
den Block schnell abblättern, so scheint sich der Gegenstand zu bewegen.
Ursache dafür ist die Fähigkeit unseres Auges, alle empfangenen Bilder etwa
1/10 Sekunde lang festhalten zu können (Bildhaltekraft).
Das Auge hat
eine weitere Fähigkeit, die geschickt genützt wird.
Betrachten wir eines Baum aus
nächster Nähe, so sehen wir deutlich die einzelnen Blätter. Entfernen wir uns
vom Baum, so gelangen wir bald zu dem Punkt, von dem aus wir nicht mehr die
einzelnen Blätter, sondern nur mehr die Gestalt des Baumes wahrnehmen.
Entfernen wir uns noch weiter, so sehen wir mehrere Bäume, bis man letztendlich
den Wald sehen kann. Das möge hier Bildgestaltekraft
genannt werden.
Bildhaltekraft und Bildgestaltekraft
werden so gebraucht, daß der Betrachter einer nicht wahrnehmbaren
Urteilstäuschung unterliegt.
Die Bildhaltekraft
wird im Kino so ausgenützt, daß der Bewegungsablauf auf einzelne Bilder
gestückelt wird. Beim Fernsehen genügt das nicht. Es wird die Bildgestaltekraft auch in Anspruch genommen. Da muß man die
einzelnen Bilder noch in 520.000 Punkte zerlegen (625 Zeilen zu je 833 Punkten,
das macht also insgesamt 625 x 833 =
520.000 Punkte aus). Anders ausgedrückt: bei einer Bilddiagonalen von 60 cm
haben etwa 3 Punkte pro Quadratmillimeter Platz. Eine Vergrößerung des Bildschirmes
bewirkt nicht eine größere Anzahl von Leuchtpunkte, sondern einen größeren
Durchmesser. Im Farbfernsehbild wird jeder einzelne Leuchtpunkt durch drei, die
in je einer der drei Grundfarben Rot, Grün oder Blau aufleuchten können,
ersetzt. Die Gesamtzahl der Leuchtpunkte wird damit verdreifacht.
Der Aufbau
einer Fernsehröhre stimmt in den Grundzügen mit dem einer Röntgenröhre überein.
Daher ist es nicht verwunderlich, daß sie radioaktive Strahlen aussendet. Diese
Radioaktivität ist zwar, im Vergleich zu der von einer Röntgenröhre erzeugten,
schwach, dafür ist ihr der Fernsehzuschauer aber länger und häufiger
ausgesetzt.
Das Gehör beim Fernsehen:
Da das
Fernsehen nicht nur Bilder, sondern auch Töne und Geräusche überträgt, soll neben
den optischen auch etwas über die akustischen Einflüsse des Fernsehens und die
damit verbundenen Probleme gesagt werden.
Will man
Töne, Klänge und Geräusche mit Hilfe der Elektronik übertragen, wie das beim
Fernsehen der Fall ist, benötigt man Mikrophone bei der Aufnahme und
Lautsprecher bei der Wiedergabe. Beide verfügen über Membrane, die bei allen
Frequenzen der Töne mitschwingen und Schwigungen in
elektrische Impulse (bzw. umgekehrt) verwandeln. Aber die genaue Anpassung an
den jeweiligen Frequenzgang des Geräusches ist bei keiner Membran möglich, jede
hat bevorzugte Töne. Das ist der Grund dafür, warum in den Lautsprecherboxen
mehrere Lautsprecher vorhanden sind, in der Regel ein Tieftöner,
ein Mitteltöner und ein Hochtöner.
Zwischen Mikrophon und Lautsprecher ist stets noch ein Verstärker notwendig.
Die Verstärkung ist frequenzabhängig, und so wird auf dem Übertragungsweg jeder
Klang verzerrt. Dazu kommen die unvermeidlichen Störgeräusche des Gerätes
selbst.
Unser Gehör
ist in der Lage, uns das Gefühl eines räumlichen Abstand
zu der Schallquelle zu ermitteln. Fernsehgeräte mit Mono-Lautsprecher
vermitteln keinen zum Bild passenden Raumeindruck, weil die abgegeben Geräusche
aus einem einzigen Lautsprecher stammen. Das Raumhören wird bei der Verwendung dieser Geräte nicht in Anspruch genommen.
Für den Hörer
an einer Stereoanlage sind die vielen unterschiedlichen Richtungen, aus denen
ein Konzertbesucher die einzelnen Instrumente hört, auf zwei
zusammengeschrumpft. Einrichtungen ermöglichen die Unterscheidung links/rechts
(und bei geschickt aufgestelltem zweitem Mikrophonpaar zusätzlich
vorne/hinten), aber ohne Erkennen von Zwischenstufen kommt kein Raumhören
zustande.
Zudem stellt sich die Frage, ob wir beim Hören
wirklich nichts Anderes wahrnehmen als Schwingungen?
Der
lauschende Mensch hat primär die Neigung, in seiner Gesamtheit
”mitzuklingen”, gewissermaßen auf die gehörten Klänge zu resonieren. Man denke z.B. an kleine Kinder, die mit einem
Rhythmus mitschwingen, mittanzen und die Neigung haben mitzusingen. Es
erfordert Selbstkontrolle diese primären
Reaktionsweise zu unterdrücken, aber so ist der Mensch zu intensiverem Lauschen
imstande.
Das Lauschen
ist nicht nur auf das Ohr beschränkt, auch ein Teil des übrigen Körpers wird darin
mit einbezogen. Zum Beispiel der Kehlkopf, der mithorcht und der die Qualität
jener anderen Stimme zum Bewußtsein bringt.
Im alltäglichem Verhalten nehmen wir stets mehrere
Sinnesorgane in Anspruch. So betätigen wir beim Hören im allgemeinen
unseren Sehsinn (wir erblicken das erklingende Wesen oder Objekt), unseren
Bewegungssinn (wir wenden uns zur Schallquelle) und unseren Gleichgewichtssinn
(wir folgen einer bewegten Lautquelle oder suchen sie mit den Augen, Kopf,
Körper,...)
Der Mensch
kann nicht nur Qualität und Quantität eines Tones, Klanges oder Lautes
wahrnehmen. Er kann einen zusammengestellten Laut zerlegen, analysieren. Bei
einer durcheinander redenden Gesellschaft kann man einem der Gäste zuhören,
während das Stimmengewirr der anderen von unserer lauschenden Aktivität in den
Hintergrund gedrängt wird. Aber was man zerlegt hat, kann man wieder aktiv im
Zusammenklang wahrnehmen. Bei einem Chor kann man jede ”Stimme”
heraushören, man kann aber auch dem Zusammenklang von Sopran und Tenor lauschen.
Der Mensch ist fähig auf die Sänger und den Chor hinzuhören.
Diese Analyse
ist bei Elektrogeräten nicht möglich, denn da ist schon alles ein unteilbares,
uniformes Ganzes geworden, so wie es durch den Verstärker reproduziert wird.
Das menschliche Gehirn während des
Fernsehens:
Ein Teil des
Gehirns ist die Großhirnrinde, wo wir die Denkleistungen vollziehen. Sie
besteht aus zwei Hemisphären und diese
haben eine Reihe einzigartiger und spezialisierter Funktionen. Jede
Hemisphäre kontrolliert die
Körperbewegungen der entgegengesetzten Körperseite
(z.B.: rechte Hemisphäre sendet Signale aus und kontrolliert die linke
Körperhälfte). Die linke Hemisphäre ist für die verbalen und logischen
Denkleistungen des Gehirns zuständig, und in der
rechten Hemisphären werden räumliche und optische Eindrücke verarbeitet.
In dem Buch:
”Schafft das Fernsehen ab!” des erfolgreichen amerikanischen Werbemanagers
Jerry Mander wurde der Hirnforscher Erik Peper zitiert. Er beschäftigte sich mit den sogenannten Alphawellen, die sich bei der Messung von Gehirnströmen der Fernsehenden als
außerordentlich stark erwiesen haben:
”Die
Alphawellen die über den Hinterkopf aufgezeichnet werden, verschwinden in dem
Moment, wo der Mensch visuelle Steuerbefehle erteilt (etwas fixieren, sich
anpassen, suchen), wenn er also den Prozeß der
Informationssuche aktiv in die Hand nimmt.... Sie treten dann auf, wenn man
sich nicht orientiert.”
Mander schreibt von einem australischen Neurophysiologen -
Team, das feststellte:
”daß im Gehirn das Zentrum der Logik, der
logischen zwischenmenschlichen Kommunikation und Analyse, der Integration
sensorischer Komponenten und des Gedächtnisses vor dem Bildschirm in einen
Zustand der Untätigkeit verfällt.”
Die
Bewegungen der Augen sind direkt mit dem Denken verbunden. Die Denkfähigkeit läßt nach, wenn sich die Augen starren und sich nicht mehr
bewegen. Denken wir daran, was mit uns geschieht, wenn wir mit offenen Augen ”träumen”. Dann schauen wir ohne zu blinzeln
gedankenlos in die Luft. Wenn uns jemand anspricht, dann erwachen wir und wissen nicht, was in den letzten
Augenblicken geschehen ist, und können über unsere Gedanken nicht sprechen.
Ähnlich läuft
es, wenn es sich um das Fernsehen handelt, mit unseren Emotionen und unserem Gedächtnis
ab. Die gesehen Bilder tauchen immer wieder auf, aber wenn wir aufgefordert
werden davon zu erzählen, haben wir oft dieselbe Schwierigkeit, wie nach dem
zuvor erwähnten Erwachen.
Die
Gehirnfunktion ist erst mit der Pubertät einigermaßen ausgereift (geringfügig
verändert sie sich aber auch später). Die Ausbildung und Betätigung der Sprache
prägt die Dominanz der linken Großhirnhemisphäre aus.
”Es
ist möglich, daß durch übermäßiges Fernsehen die innere Hingabe an die
Sprachfähigkeit schwach bleibt und so zur Ursache von physisch- seelischen
Labilitäten und Schwächen wird, die immer häufiger auftreten und beobachtet
werden.”
aus: Thomas McKeen - Gift für die kindliche
Psyche
Das sind die
Geheimnisse des Fernsehens, nicht leicht, aber doch durchschaubar.
Das Fernsehen ist kein Wunder, sondern eine vom
Menschen geschaffene Maschine. Wenn wir diese bewundern, dann können wir nur
schwer erkennen, in welcher Weise sie Helfer sein kann. Wir müssen
”Ja” oder ”Nein” zu der Leistung der Maschine sagen und ihr den
entsprechenden Platz in unserem Leben und in unserer Gesellschaft zuweisen.
Das Fernsehen
verwischt die Grenze zwischen Illusion und Wirklichkeit und beeinflußt
so unsere Urteilsfähigkeit.
3. Das Kind und das Fernsehen
Wie
sind die Kinder?
Dieses Thema
ist sehr umfangreich, deswegen werde ich nur darauf eingehen, wo Kindern in den
ersten sieben Lebensjahren durch das Fernsehen Schaden nehmen können.
Das
neugeborene Kind ist ein hilfloses Wesen. Ohne menschliche Betreuung kann es
nicht am Leben bleiben. Diese Betreuung betrifft aber nicht nur die physische
Pflege, sondern auch die psychische.
Neugeborene Kinder, die in Spitäler zurückgelassen wurden oder in
Waisenhäuser kamen, vermissen die persönliche Hinwendung, die Liebe zwischen
Mutter und Kind, die normalerweise so selbstverständlich vorhanden ist. Ohne
diese können sie sich nicht körperlich gesund entwickeln, können kein Vertrauen
zum Menschen, zur Umgebung entwickeln. Diese Kinder wirken apathisch und haben
später sehr viele Verhaltens-, Sozial-, Denk- und Lernschwierigkeiten
(Hospitalismus). Es sind auch Neugeborene die diese seelische Kälte nicht
überleben.
Persönliche Beziehungen spielen auch später -
eigentlich immer - eine wichtige Rolle.
Die
Bezugspersonen werden nicht nur gesehen, sondern deren Stimmungen und Emotionen
werden auch miterlebt. (Auch wenn wir glauben, daß man sie nicht wahrnehmen
kann.) Also ist das Kind nicht nur ein großes Auge, es sieht nicht nur alles,
sondern es nimmt auch die Gefühle der Anderen aktiv und mit großer Sensibilität
wahr. Deswegen sagen wir, daß das Kind im ersten Jahr ganz Wahrnehmungs- oder
Sinnesorgan ist.
Die Eindrücke
bleiben in unbewußten Schichten der Seele liegen und
bilden eine Grundlage auf der spätere, bewußte
Erfahrungen ruhen müssen. So tragen die Eltern und die Erwachsenen eine große
Verantwortung gegenüber dem Kinde, weil diese Erlebnisse und Eindrücke Anlaß zu bestimmten Stimmungen und Gefühlen sind.
Die ganze
Aktivität wird darauf gelenkt, die Umwelt kennenzulernen.
Diese Aktivität ist nicht nur so gemeint, daß die Kinder alles angreifen und
ausprobieren, sondern, daß sie bei Beobachtungen auch innerlich so aktiv sind,
daß sie nachher völlig erschöpft ”ausrasten” müssen.
Aber dieses aktive Interesse ist noch nicht
von dem bewußten Willen getragen, sondern von
Begierden. Deswegen ist das Kind völlig
offen für die Welt und läßt alles in sich
arglos und vertrauensvoll einströmen. Es hat noch keinen Erfahrungshintergrund, mit dem es den
Eindrücken entgegentritt, sie abwiegt, beurteilt und einordnet.
Dabei lernt es die Dinge an ihren Qualitäten und
Eigenschaften zu erkennen und zu unterscheiden. Je weitreichender und
vielfältiger seine Begegnungen und Erfahrungen sind, desto reicher wird es.
Weil das Kind
so eins ist mit der Umgebung, mit den Eltern und anderen Bezugspersonen, lebt
es alles intensiv mit, ahmt es alles nach. Durch Nachahmung lernt das Kind
sprechen, sich zu bewegen und mit
Situationen umzugehen.
Das Erleben im
Kindesalter ist noch so stark, (denn die Kinder sind eins mit der Umgebung,)
daß seelische Regungen körperlich empfunden werden. Das wirkt bis zu den
Organen und spielt deswegen eine wichtige Rolle in der Organbildung.
In den ersten
sieben Jahre werden die Knochen, die Organe, sowie
Haut, Muskeln, Gehirn und Nerven fester und konturierter. Das Kind braucht die
Welt der Farben, Formen, Bewegungen u.s.w. nicht nur
für seine Seele, sondern auch für die Durchgestaltung seiner Leiblichkeit. Wenn
das Kind diese Sachen nicht erleben kann, dann gilt für den Kontakt mit der
Umgebung etwas Ähnliches wie der Hospitalismus
Diese Auf-
und Umbautätigkeit kann man sich besser vorstellen wenn wir, biologisch
ausgereifte Erwachsene, an solche Sinneseindrücke denken, die in unserem Leib
Veränderungen hervorrufen:
Wenn wir z.B.
eine Zitrone sehen, läuft uns das Wasser im Munde zusammen; wenn wir in ein
Buch vertieft sind und plötzlich schlägt der Wind die Türe zu.
Wie reagiert
unser Körper auf solche Wahrnehmungen?
Dabei dürfen wir aber nicht vergessen, daß wir uns,
aufgrund unserer Erfahrungen, leicht beruhigen können, aber die Kinder sammeln
gerade diese Erfahrungen.
Das Sprechen
und das Denken lernt das Kind auch durch Nachahmung. Diese Fähigkeiten unter-scheiden den Menschen von den Säugetieren. (Beispiele
haben gezeigt, daß Kinder, die zwischen Tieren aufwachsen mußten,
diese menschliche Fähigkeiten nicht entwickeln konnten. Dies weist darauf hin, das Kinder von
Menschen lernen müssen, wie man Mensch wird.) Wie intensiv diese
Sprachentwicklung ist, zeigen Durchschnittsdaten: mit drei Jahren hat ein Kind
einen Wortschatz von über 1.000 Wörter, mit sechs Jahren bis zu 25.000.
Das Kind hat
eine andere Denkweise als ein Erwachsener. Es sind noch keine spezialisierten
Funktionen und bestimmten Fähigkeiten ausgeprägt. Der Säugling besitzt bei der
Geburt noch keine sprachlichen Fähigkeiten, die muß er sich erst erwerben. Zu
diesem Zeitpunkt scheinen beide Hemisphären über die gleiche verbale
Aufnahmefähigkeit zu verfügen.
”Forschungen haben beispielsweise ergeben, daß
Läsionen der linken Gehirnhälfte bei Kindern unter
zwei Jahren für ihre künftige Sprachentwicklung nicht nachteiliger sind als
Verletzungen der rechten Hälfte, während bei Erwachsenen mit ähnlichen
Verletzungen das Sprachvermögen dauerhaft beeinträchtigt bleibt....
Gehirnverletzungen von Kindern unter vierzehn oder fünfzehn Jahren geben
hinsichtlich der Wiederherstellung des Sprachvermögens ebenfalls zu günstigen
Prognosen Anlaß.”
aus: Marie Winn -
Die Droge im Wohnzimmer
In der
Neurologie wurde nachgewiesen, daß die Struktur und biochemische
Zusammensetzung des Gehirns im Alter von zwölf Jahren ihren endgültigen
Entwicklungsstand erreicht hat. So kann man annehmen, daß die Gehirnspezialisierung
und die Festlegung bestimmter Funktionen in diesem Alter bereits abgeschlossen ist.
Die Vermutung
liegt nahe, daß sich das kindliche Gehirn erst, wenn das Kind das
Sprachvermögen und damit das verbale Denken entwickelt hat, spezialisiert.
Mit vier
Jahren beginnt die Fähigkeit zu Begründen und Folgern (man hört oft die Frage:
”warum?”), aber das Denken ist noch rein anschaulich begründet.
Kinder
benötigen viel Bewegungsfreiheit und Bewegung. Erst durch Bewegungen, die nur so ”passieren”, nehmen sie den eigenen Körper wahr, kommen
darauf, wem die herumschlagenden Arme und Füße gehören. Mit großer Anstrengung
lernen sie krabbeln, sich aufrichten und laufen. Sie folgen der Mutter nach und
wollen alles tun, was sie macht. ”Ich auch!”- ist das
Motto, aber nur so lange das Kind das ”Ich” nicht
richtig fühlt. Dann wandelt sich dieses offene ”Ich
auch!”, in die geschlossene, trotzige ”Ich will aber nicht!”-
Phase. In dieser ersten Krisenzeit braucht das Kind viel Geduld, Verständnis
aber auch konsequente Grenzen, die für diesen starken Wille
einen Weg zum gemeinsamen Leben zeigen.
Kindliche Phantasie wird oft fälschlich als Lüge
bezeichnet.
Was ist
eigentlich diese Phantasie?
Die zwei- bis sechsjährigen Kinder leben in einer
magischen Welt, in der oft auch Objekte und
Naturerscheinungen als Lebewesen vorkommen. Sie können zwischen
Phantasie und Realität noch keinen Unterschied erleben. Zwischen drittem und
fünftem Lebensjahr sind die Kinder am stärksten von der Phantasie geprägt. In
diesem Alter sind sie fähig Dinge umzuwandeln, zweckentfremdet zu benutzen und
mit Hilfe der Phantasie neue Dinge daraus machen.
Mit Phantasie
können sie alles ergänzen, wenn sie es als notwendig finden. Voraussetzung ist,
daß die Kinder solche Dinge schon erlebt haben. Aber es genügt auch, wenn sie
sie nur gesehen haben. Jedenfalls kommen die Anregungen von Außen. Deshalb
müssen solche Dinge von Kindern gesehen und erlebt werden, die genügend
Freiheit lassen, um mit ihrer Phantasie etwas Neues schaffen zu können.
Im Spielprozeß will das Kind ein Mittelpunkt sein und nicht
nur ein Zuschauer wie z.B. bei einer
sorgfältig aufgebauten Eisenbahn soll
das Kind nur zusehen, wie der Zug fährt. Diese schöpferische Freiheit
müssen auch die Spielzeuge den Kinder geben, wenn wir kreative Menschen haben
möchten und nicht solche, die von Bilder gefesselt und erdrückt sind.
”Wie die Muskeln der Hand stark und kräftig
werden, wenn sie die ihnen gemäße Arbeit verrichten, so wird das Gehirn und werden
die anderen Organe des physischen Menschenleibes in die richtigen Bahnen
gelenkt, wenn sie die richtigen Eindrücke von ihrer Umgebung erhalten.”
aus: Rudolf Steiner - Die Erziehung des Kindes
vom Gesichtspunkt der Geisteswissenschaft
”Das
wichtigste sind eben die Menschen in der Umgebung des Kindes, die das Leben
rhythmisch und geordnet regeln, gerne arbeiten und bereit sind, einen guten
Teil der Arbeit an sich selbst zu leisten.... Der Lohn und Dank solcher Mühen
kommt von den erfüllt spielenden Kindern zu, die sich in dieser Lebensepoche
ihr Fundament für das spätere Leben bauen.”
aus: Freya Jaffke -
Spielen und arbeiten im Waldorfkindergarten
Kinder können
also von uns nichts Besseres bekommen als Ruhe, Raum und Geduld, und damit
können sie die Entwicklungsschritte gesund durchleben. So werden sie, unsere
Pflänzchen, kräftig genug werden. Und wenn sie aus dem schützenden, wärmenden
Haus ins Freie kommen, haben sie genügend Widerstandskraft gegen Kälte und
Sturm.
Das
Kind beim Fernsehen
Warum geben Eltern ihren
Kindern die Möglichkeit fern zu sehen?
Wie schauen die Kinder fern und wie sind die Reaktionen?
Welche direkte Auswirkungen des Fernsehens
sind für Eltern und Pädagogen spürbar?
In diesen
Zeiten, wo Erwachsene sich ständig hetzen müssen, bleibt für das Kind und für
die Familie wenig Zeit. Berufstätige Mütter können ihre Kinder, die von der
Schule nach Hause kommen, nicht mit einem warmen Essen erwarten. Das Kind muß
sich selber bedienen (”Schlüsselkinder”): alleine essen, die Hausaufgaben
machen, sich selbst beschäftigen bis die Eltern müde nach Hause kommen. Dann
haben sie aber keine Geduld und Kraft erzieherische Arbeit auch zu leisten. Und
die einfachste Lösung bietet das Fernsehen, der ideale Babysitter und Lehrer.
So sind wir gezwungen (oder ist es nur eine Frage der Bequemlichkeit?), die
Erziehung von unseren Kindern aus unseren Händen zu geben.
Zeit und
Kraft kann man aber auch mit einem pflegeleichten Kinderzimmer gewinnen. Die
Industrie orientiert sich immer mehr an den Kindern, weil sich da alle paar
Jahre gute Möglichkeiten ergeben, Gewinne zu erzielen. Und eigentlich werden
dann die Wünsche der Eltern erfüllt: Spielzeuge, die leicht zu Reinigen sind
und keinen Schmutz machen, findet man in Hülle und Fülle in den Spielzeuggeschäften.
Ich habe schon viele Kinderzimmer gesehen, aber selten
hatte ich das Gefühl, daß das Kind da gerne seine Zeit verbringt und daß da ein
ruhiges, vertieftes Spiel entstehen kann.
Warum?
Wenn ich in
eine mit Geschmack eingerichtete Wohnung gekommen bin, habe ich oft mit
Enttäuschung das Kinderzimmer gesehen. Das war wie eine andere Welt, die vom
Bereich der Eltern abgekapselt ist.
Wenn der
Wohnbereich der Erwachsenen harmonisch wirkte, war davon im Kinderzimmer nichts
mehr zu finden. Eine unglaubliche Unruhe wirkte in diesem Zimmer. Viele Bilder
- schon auf der Tapete - von ”lieben” Märchenfiguren.
”So fühlt sich unser Kind nie alleine. Diese
guten Freunde kennen jedes Geheimnis von ihm. Er hat alles selber ausgesucht.”
Möchte das
Kind wirklich nie alleine sein? Braucht es keine Geheimnisse? Und ist ein Kind
schon fähig alleine Entscheidungen zu treffen, dessen Konsequenten es jahrelang
tragen muß? (Diese letzte Frage würde ich nicht nur in diesem Bezug stellen.)
Und wenn man
die Spielsachen ansieht, dann fühlt man sich, wie in einem Spielzeugladen. Bei
einer solchen Menge kann man sich nicht vorstellen, daß das Kind noch einen
Überblick hat. Und wie schwer es ist aus diesem
Haufen ein Lieblingsspielzeug herauszufinden, daß bestätigen mir die
Kinder immer wieder, wenn ich sie danach frage. Als Antwort zeigen sie mir ein
Dutzend Dinge und stellen eine Gegenfrage: ”Welches würdest du am liebsten
haben?”
Die Kinder
könnten durch unser gezieltes Aussuchen der Geschenke eine weniger
umfangreiche, aber wertvollere ”Sammlung” haben. Aber
wir dürfen nicht vergessen, das Sachen, die für uns
wertvoll sind, nicht ebenso wertvoll für das Kind und für die kindliche
Entwicklung sein müssen.
Je einfacher
das Spielzeug ist, desto mehr Spielmöglichkeiten bleiben für das Kind offen.
Das bestätigen oft die Eltern selber, wenn sie sich ”beklagen”, daß ihr Kind lieber im Wohnzimmer oder in
der Küche spielt und dort alles mit den unmöglichsten Ideen auf dem Kopf
stellt. Und das teure Kinderzimmer bleibt leer.
In solchen
Situationen ist der willkommene Retter das Fernsehen.
Für die Erwachsenen ist es beruhigend, wenn die Kinder
an das Fernsehen gefesselt sind, weil sie in dieser Zeit können nichts ”Anstellen”. Und dazu glauben die Eltern, daß die
Kinder vernünftig beschäftigt sind, weil sie durch die Programme eine ganze
Menge lernen können.
Wie sind die Kinder, wenn sie fernsehen?
Viele Kinder
sitzen körperlich völlig entspannt vor der ”Glotze”.
Der Gesichtsausdruck hat typische Merkmale größter Aufmerksamkeit: die Augen
sind weit geöffnet und der Mund entweder locker zu oder ein bißchen
offen. Das ist ein Zeichen, daß das Kind mit vollkommener Offenheit alles wie
ein Schwamm in sich aufsaugt.
Marie Winn nennt diesen
Zustand, den die Kinder beim Fernsehen haben, einen Trance - Zustand ”Gelegentlich erwacht das Kind aus seiner
Trance-.....- aber dieses auffallende ”Erwachen” bei dem das Gesicht wieder
seinen üblichen Ausdruck annimmt und der Körper zu seinem Normalzustand
rastloser Bewegung zurückkehrt, verstärkt nur noch den Eindruck, das sich das
kleine Kind beim Fernsehen in einer Art Trance befindet. Es gibt kaum Anzeichen
dafür, daß das Kind dabei geistig aktiv und hellwach ist.”
aus: Marie Winn -
Die Droge im Wohnzimmer
Meine zwei
Jahre alte Nichte sollte sich einmal ein Märchen mit ihrer Großmutter ansehen.
Sie war so lange mit größter Hingabe dabei, bis ein laut schreiender Esel in
dieser Geschichte vorkam, und meine Nichte erschrocken weglief. Das war die
erste Begegnung mit dem Fernsehen, und sie wollte sich nachher dieser Kiste, in
der so laute und wilde Tiere leben, nicht mehr nähern.
Als ich ein
Kind war, hatten wir einen so alten Apparat, daß wir immer die Vorhänge
zuziehen mußten, denn nur in dieser Dunkelheit konnten
wir das Bild sehen. So wurde unsere Konzentration noch mehr an das Fernsehen
gebunden, denn das TV-Gerät war der einzige helle Punkt in diesem Zimmer. Als
meine Schwester und ich neun und vierzehn Jahre alt waren, sahen wir den
Zeichentrickfilm nach der Geschichte von Hans-Christian Andersen: "Die
Meerjungfrau” von Walt Disney. Obwohl wir wußten, daß
es nur ein Märchen ist und obwohl es gezeichnet war, und niemand in
Wirklichkeit leiden mußte, weinten wir. Wir wußten schon die Wahrheit, aber wir konnten unsere starken
Gefühle nicht bremsen.
Seit sechs
Jahren arbeite ich täglich mit Kindern im Kindergarten. So bekam ich ein wenig
Einblick, wie Kinder spielen. Was die Kinder gesehen oder erlebt haben, hat auf
das Spiel großen Einfluß. Wenn die gesehenen und erlebten Sachen viel zu
kräftig auf das Kind wirken und es kann sie nicht aufarbeiten, dann laufen die
Erlebnisse den Kindern nach. Die Phantasie wird in den Hintergrund gedrängt. In
diesem Gebiet hat das Fernseher große Macht.
Jetzt ist die
Zeit der Zeichentrickfilme, die fast gänzlich mit Musik unterlegt sind
(Dschungelbuch, König der Löwen). Einer von meinen Kindergartenkinder konnte
drei Monate lang nichts anderes spielen als ”König der
Löwen”. Dadurch wurde ich neugierig, was dieses Kind gesehen hat, und ich sah
mir diesen Film an. Nachher wußte ich, warum er von
diesem Thema so gefesselt war.
Geschwistermord, Tiere, die Machtkämpfe ausfochten, Tierkinder, die
darunter litten, und noch viele andere Aktionen durchzogen den Film. Unsere
ständig angesprochenen Gefühle wirken mit rasch wechselnder Spannung auf uns,
denn die Situationen ändert sich sehr rasch. Die
rasenden Bilder verlangen größte Konzentration. Nicht einmal für eine Minute
kann man wegsehen, denn dann kann man diese Geschichte nicht nachvollziehen.
Und nur weil das alles gezeichnet ist, glauben viele, daß sei ein Kinderfilm.
Oft haben die Kinder Schlafstörungen oder sehr
oberflächlichen, unruhigen Schlaf.
Genauso schlafen wir, wenn wir ungelöste Probleme mit
ins Bett, in den Schlaf nehmen. Für die Kinder ist es auch nicht einfach, wenn
sie Bilder gesehen haben, mit denen sie nichts Anfangen können. Diese stören
ihren Schlaf und ihre Träume.
Warum kann das
Fernsehen so auf die Kinder wirken?
Die Gründe dieser
Reaktionen.
Anziehungskraft besitzt das Fernsehen für die Kinder deshalb, da es
ständig Bewegungen gibt, und da es durch viele Aktionen nie ”fad”
sein kann.
Der laute
Esel im Beispiel mit meiner Nichte hat einen Fehler gezeigt, der sehr oft in Märchenvideos
und -filmen vorkommt. Diesen Fehler nennt man Überdramatisierung. So etwas
passiert deswegen, weil befürchtet wird, daß das Interesse der Kinder verloren
geht. Aus diesem Grund werden nicht nur viele Aktionen überdramatisiert,
sondern gleich die ganze Geschichte. Effekte werden durch Musik verstärkt.
So kann nicht
auf einzelne Kinder eingegangen werden. Die Kinder, die diese Sendungen sehen
oder die Kassetten hören, haben verschiedenes Alter und sind verschieden
empfindlich.
So lange sich
die Kinder nicht daran gewöhnt haben, oder noch nicht genug Erklärungen von den
Eltern bekommen haben, glauben sie, daß alles, daß man
beim Einschalten in dieser "Kiste" sehen kann, lebt.
Wenn ein
vierzehnjähriges Mädchen noch bei einem Zeichentrickfilm weinen kann, dann kann
man besser verstehen, wie stark mit Gefühlen gespielt wird.
Auch in der
Werbung, die für Erwachsene gemacht wird, wird nicht auf die Qualität der Ware
aufmerksam gemacht, sondern darauf, wie dieser Gegenstand auf die Gefühle, auf
die Sinne wirkt. Weil wir bereits beeinflußbar sind,
spricht die Werbung unsere Gefühle an. So ist es meistens auch bei Filmen. In
einem Augenblick sollen wir weinen, im nächsten schon lachen. Und einmal sollen
uns die Emotionen bis in den Himmel werfen und dann wieder mit großen Schmerzen
fallen lassen. Erwachsene können solche abwechselnde Gefühle besser
verarbeiten, die Gefühle besser beherrschen als Kinder. Noch dazu Kinder, die
in der sensiblen Pubertätszeit sind, oder kleine Kinder, die auch seelisch sehr
empfindlich sind, weil sie emotionell noch offen sind.....
Das Kind
konzentriert sich mit allen Sinnesorganen auf diesen Apparat, und deswegen
nimmt es die Umgebung nicht wahr. Durch die Bilder, die so schnell ablaufen,
daß sich die Figuren ständig zu bewegen scheinen, bleibt für die Kinder keine
Freiheit Bilder, die sie verstehen, zu schaffen. Wenn die Kinder
Phantasiebilder selber machen, dann
verstehen sie diese Bilder auch. Und die Schnelligkeit, mit der die
Bilder kommen und gehen, macht es den Kinder
unmöglich, kindliche Beobachtungen zu machen. Mit Hingabe kann ein Kind zusehen
wie eine Ameisen läuft, wie eine Schnecke kriecht.
Wann kann ein Kind ein Bild so lange im Fernsehen sehen? Wie lange ein Bild
gezeigt wird, hängt nicht von des Kindes Bedürfnis ab, sondern von der Regie.
Natürlich verhindert diese Tatsache auch, daß das Kind die Geschichte leichter
mitbekommt. Trotzdem gibt es sich so intensiv hin, daß der Körper beinahe
unbelebt scheint. Obwohl das Kind kaum mit dieser Geschwindigkeit mitkommen
kann, bewahrt es die Bilder doch. Und unverdaut kommen sie immer wieder zurück.
Wie als Entschuldigung wird von den Eltern oft gesagt:
”Das Kind
schaut eh nur Kindersendungen”.
Und gerade diese Kindersendungen sind so, daß sie sehr
viel Aggressionen zeigen. Denken wir nur an die
Serienhelden ”Tom und Jerry”, die einander die ganze Zeit nur prügeln und
schlagen. Doch sie stehen wieder auf und gehen sofort wieder daran, den Anderen
zu ärgern. Das verursacht in den Kindern, die sowieso einen großen Energiestau
haben, Aggressionen. Weil sie so lange vor dem Fernseher saßen, hätten sie
eigentlich viel Bewegung nötig.
Wie schon
erwähnt, die Kinder können zwischen Phantasie und Realität nicht unterscheiden.
Für sie ist alles, was sie sehen, ein wahres Abbild vom Leben, von den
Menschen. Und wie oft werden Menschen grotesk dargestellt, worüber wir
Erwachsenen lachen, weil wir wissen, daß es überspitzt dargestellte
Phantasiefiguren sind. Das Kind stellt sich aber aus diesen Mosaiksteinen ein ganz
merkwürdiges Menschenbild zusammen. Aber so kann man sich schwer vorstellen,
daß die Kinder Respekt vor den Menschen
und vor dem Leben aufbauen können.
Die sozialen
Auswirkungen des Fernsehens auf die Kinder sieht man nicht ”nur”
in diesem grotesken Menschenbild. Es ist ein Verarmung
in zwischenmenschlichen Verhältnissen aufgetreten. Das Familienleben ist
gestört, da wenig Zeit gemeinsam verbracht wird. Das Fernsehen kann keine
gemeinsamen Tätigkeiten anbieten auch dann nicht, wenn z.B. in Kindersendungen
zum Basteln aufgefordert wird. Dabei ist nicht die Tätigkeit im Mittelpunkt,
sondern noch immer das Fernsehen. (Wenn die Eltern nur wenige Ideen zum Basteln
haben, aber richtiges Interesse daran, mit den Kindern etwas zu tun, dann gibt
es darüber sehr gute Bücher.)
Leider sind
diese Sendungen in viele Familien wichtiger als die Tätigkeiten oder die
Personen selber. Ein erschreckendes Beispiel stellt das sehr Bildhaft dar:
Ein Großvater
berichtet von einer alltäglichen Szene:
”Manchmal, wenn ich die Mädchen besuche,
dann komm ich ins Zimmer und sie sitzen vor dem Fernseher. Ich weiß ja, daß sie
mich lieben, aber es tut mir weh, wenn ich sie begrüße und sie ”einen Moment”
sagen, ohne auch nur aufzublicken, ”wir müssen eben erst das Programm zu Ende
sehen”. Es schmerzt mich, daß ihnen die Maschine und die kleinen Bilder
wichtiger sind als mich zu sehen.”
aus: Marie Winn -
Die Droge im Wohnzimmer
Weil die
Begegnungsmöglichkeiten gering sind, lernt das Kind nichts über das Verhältnis
zu Anderen: soziale Schwierigkeiten aufzulösen, sich im Gespräch zu üben, sich
einzufügen. So werden die Grundkräfte, die zur Entfaltung der Persönlichkeit
führen, geschwächt. Ebenso verringern sich die Impulse, einen feineren Sinn für
menschliche und soziale Vorgänge in der Umgebung auszubilden.
Nicht nur
wegen des Inhaltes, sondern weil die Einstellung und der Blickwinkel der Kamera
sich ständig ändert, muß nur eine kurze Aufmerksamkeitsspanne da sein, und das
Kind kann sich nie richtig konzentrieren. Die Hyperaktivität
(Überbeweglichkeit) kann eine Folge der ”unruhigen”
Kamera sein. Das ist Grund dafür, warum viele Kinder mit
Konzentrationsschwierigkeiten kämpfen müssen. Die Kinder können sich gar nicht
mehr auf normale Sachen, auf das alltägliche Leben konzentrieren, wenn sie sich
an die ständigen Aktionen gewöhnt haben. Das Leben ist keine Sammlung von
Aktionen und die Kinder finden oft auch deswegen alles langweilig und man muß
sich dann sehr bemühen, um die Aufmerksamkeit der Kinder zu gewinnen.
Wie offen die
Kinder für die Wahrnehmungen sind, ohne sich Gedanken darüber zu machen, zeigt
am besten ein Beispiel:
Ein Vater und sein fünfjähriger Sohn
schauten ein Sendung über einen Arbeitskampf an. ”Soll
ich dir das erklären?”- fragte der Vater. Der
vertiefte Sohn antwortete: ”Nein Vati, ich guck nur”.
Also das
Gedankliche zu begreifen ist gar nicht im Vordergrund, weswegen wäre es auch
falsch zu glauben, daß mit Fernsehsendungen ein Kind erzogen oder gebildet
werden kann.
Alles, was
sonst innerlich erzeugt wird, wird beim Fernsehen von außen gebracht. Die
Vorstellungen, Empfindungen und Taten werden vom TV gebracht, und weil das Kind
keinen Erfahrungshintergrund dagegenstellen kann, sind die Wirkungen tiefgreifender, direkter und schwerwiegender.
4. Computer
Computer
gehören ebenso zu unseren zeitgemäßen Problemen, wie das Fernsehen.
Die Welt der Erwachsenen bemüht sich den Computer
kindergemäß zu machen, sodaß die Kinder so früh wie
möglich den Computer kennenlernen sollen. Dafür wird
das Computerspiel herangezogen. Warum ist das überhaupt ”notwendig”?
Erwachsene - nicht nur die, die ein gutes Geschäft
wittern - glauben fest daran, daß mit
der Computer-Früherziehung die Probleme der heranwachsenden Jugendlichen gelöst
werden. So werden auch die Zukunftsängste der Eltern weggeschoben,
denn ihre Kinder können, trotz steigender Arbeitslosenzahlen, leichter einen
Job finden, leichter einen Ausbildungsplatz bekommen, es kommt nicht zur
Orientierungslosigkeit beim Schulabgang, u.s.w.
Das sind
genügend Gründe, warum neue Arten von Privatschulen aufgetaucht sind. Vor einem
Jahr wurde in München der erste ”Futurekid” - Laden
eröffnet. Das ist eine Computerschule für vier- bis vierzehnjährige Kinder. Wie
interessiert nicht nur die Eltern, sondern auch die öffentlichen Schulen daran
sind, zeigt, daß in den USA schon Verträge zwischen ”Futurekid” und öffentlichen Schulen abgeschlossen wurden.
Die
bevorzugte Altersgruppe für die Computer-Früherziehung sind Kinder von drei bis
vierzehn Jahren.
Nach der
Meinung des Medienexperten Peter Glotz sollten die Kinder den eigenen mobilen
Computer statt ihren Schulbücher in die Schule mitbringen. Diese elterliche
Investition sei nötig, wenn man verhindern wolle, daß die Kinder in der Zukunft
auf dem Arbeitsmarkt keine Chancen haben.
Im zweiten Teil meiner Arbeit habe ich über die Gesundheitsrisiken geschrieben, die sowohl auf das Fernsehen als auch auf den Computer zutreffen. Noch weitaus schlimmer als ”normale” Computerbildschirme sind allerdings die sogenannten